10 Tage. 10 Stunden. Meditation.

10 Tage nicht sprechen. Nicht schreiben. Nicht lesen.
Keine Musik, kein Sport, kein Körperkontakt, keine Ablenkung.
Nur ich, mein Geist und die Stille.

10 Tage sind 240 Stunden und 14.400 Minuten. Eine Minute kann sehr lange sein.
Ich hab Schiss.

Ich gehe ins Meditationszentrum zu einem Vipassana Kurs. Bislang habe ich vermutlich nicht einmal 2 Tage verbracht ohne zu sprechen, und wenns nur mit den Katzen war. Oder ohne zu schreiben, und wenns nur in mein Tagebuch war. Oder eine SMS. Oder einen Einkaufszettel.

Ich gebe elektronische Geräte, Stift und Papier ab. Zugegeben, ich habe überlegt, einen Stift reinzuschmuggeln, merkt ja keiner. Ich könnte aufm Klo schreiben oder vielleicht sogar in meinem Zimmer, wenn ich ein eigenes bekomme, das weiß ich nicht. Aber im Code of Discipline steht eine lange Liste mit Regeln und Regel Nr. 4 lautet: to abstain from telling lies. Und wenn Tag 1 gleich mit ner Lüge beginnt… Gelogen habe ich außerdem schon im Vorfeld und behauptet, ich könne gut Englisch und würde die insctructions und Meditationsanleitungen verstehen.

Wir werden sehen.

Der Tag beginnt zu meiner üblichen Einschlafzeit in besonders kreativen oder stressigen Zeiten (so wie zurzeit) – das ist um 4:00 morgens – mit der morning wake-up bell. Ich hoffe, sie klingt irgendwie angenehm.

Über den Tag verteilt sind genau 10 Stunden und 15 Minuten Meditation vorgesehen. Ich habe das gerade nachgezählt. Und mich erschreckt, schon wieder. Ich erschrecke so ziemlich bei jeder neuen Erkenntnis über diesen Kurs. Meditiert habe ich zwar schon mal, aber eher… kurz.

Es ist kein Gefängnis, sage ich mir. Du kannst jederzeit gehen, sage ich mir.
Was nur so halb stimmt, denn das Zentrum ist wirklich in der Pampa. Zu Fuß komme ich da kaum wieder weg und trampen gestaltet sich wohl auch schwierig.

Du wirst etwas lernen, sage ich mir. Über dich.
Mhm. Das ist es ja, was mir Angst macht. Ich allein mit meinem unruhigen, nervenden, sich so gern ablenkenden Geist. Was da wohl hochkommt. Was da wohl gesehen werden will.

Ich weiß, ich habe eine innere Gewissheit, dass diese 10 Tage mit die prägensten meines bisherigen Lebens sein werden. Irgendwie freu ich mich auch. Es ist eine Prüfung in den Fächern Disziplin, Akzeptieren und Loslassen. Nicht gerade meine Paradefächer.

Und: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Morgen gehts los. Auf in die Stille.

Christchurch bis Kaikoura

Sonntagmorgen: Alles tut weh, das Bett war wie ein wabbelweiches Wasserbett. (Unser Zimmer aber muckelig und mit Geheimwandschrank). Frühstück nachm Auschecken um 10 Uhr, M. Müsli, ich Porridge (Er ist geduldig mit mir, er ahnt noch nicht, dass das jetzt jeden Tag so kommt). Im Frühstücksraum am großen, alten Holztisch sitzt außerdem Luis, ein junger Mann aus Guatemala. Die hohen Wangenknochen, sanfte, glatte, dunkle Haut und Haare, helle Zähne und Augen, er ist so schön. Erzählt vom Tongariro Alpine Crossing, M. will das sofort auch machen und hat da auch schon irgendwo einen Flyer gesehen.

Mittags nochmal kurz Christchurchspaziergang. Diesmal im Zentrum. Wir erfahren, dass die Ruinen vom großen Erdbeben 2011 stammen bei dem 185 Menschen starben und die ChristChurch Cathedral einstürzte, vor deren Resten wir gerade stehen. „Vielleicht gibts deshalb soviel Graffiti“, sagt M., „die verschönern die Überreste. Kunst als Aufarbeitungsmittel.“ Ich kaufe mir eine schwarzelangesexywarme Merinounterhose, die 40% reduziert ist und freu mich wie Bolle.

Wir essen wieder im Little High. Nachmittags beim Verlassen der Stadt (2 Stunden später als M. wollte) entkommen wir gerade noch so Tourifalle Nr. 1 (Antarctic Centre, weitere Flyerentdeckung von M.). An der Kasse merkt er aber, das ist nix für uns. Und damit sind wir auch wieder im Zeitplan.

Fahrt durch neblige, verregnete Herr-der-Ringe-Landschaften. Mehrmals wollen wir anhalten und Fotos machen, aber dann sind wir doch zu faul/bemerken die Haltebucht zu spät/ist es eigentlich auch schon zu dunkel.
„Ist dir das schon aufgefallen“, sagt M., „immer, wenn wir draußen sind, regnets nicht, aber wenn wir irgendwo drinnen sind, regnets wie verrückt.“
„Ja. Wir sind kleine Wettergötter. Aber jetzt nicht mehr davon reden, sonst ändert sichs bestimmt.“

Tut es erstmal nicht. Durch die Regenschleier erahnen wir Schafe, Kühe und dann in orange und neongelb tausend Baustellen mit Baustellenschilderhaltern (sie lächeln tapfer unter ihren Regencapes hervor und winken, und wenden das Schild von STOP zu GO, oder von STOP zu SLOW).

M. hat irgendeine Scheibenwischer-Aversion, er benutzt ihn äußert selten, die Scheibe ist trüb. Der Scheibenwischer geht nur an, wenn wir irgendwo abbiegen und M. versucht zu blinken. Blinken muss man nämlich hier mit links. Hebel hochziehen = rechts blinken, Hebel runterdrücken = links blinken. Also nicht nur falsche Seite, auch die falsche Richtung. Mich überfordert schon die Vorstellung davon.

Bei Sonnenuntergang kommen wir in Kaikoura an. Meer! Und als wir aussteigen nur noch leichtes Nieseln. M. hat direkt am Dolphin Encounter geparkt. Er kauft 2 Tickets für morgen früh. Unberechenbare Riesendelfine im antarktischen Pazifik. Bevor wir im Hostel sind, sind meine Nebenhöhlen komplett verstopft. Mein treuer Körper will mich retten.

Spätspätabends lese ich Texte mit Überschriften wie „An Unterkühlung kann man sterben“, und alles über Anzeichen von Lungenödemen. Ich recherchiere Medikamente gegen Seekrankheit (was die Dame am Dolphin Encounter dringend empfiehlt, Wettervorhersage: Regen, Sturm, hohe Wellen).* Wenn ich es es mir ganz fest vornehme, werd ich vielleicht gar nicht seekrank, dann lese ich: Starker Wille hilft nichts. Ich wühle mich durch sämtliche Segelforen und am Ende weiß ich: vorher Bananen essen, dann hoffen.

Noch später: M. kocht Spaghetti, ich dusche sehr lange sehr heiß, bevor es morgen wohl richtig losgeht mit der Reise, ergo raus aus der Komfortzone.

*Am Liebsten würde Scopolamin nehmen, aber für einen vierstündigen Ausflug so ein Knaller? Außerdem krieg ich das bis morgen früh nicht organisiert selbst wenn es hier rezeptfrei wäre. Und richtig zurechnungsfähig bin ich damit erfahrungsgemäß ja nun auch nicht.